Mass

Wenn ein Komponist bewusst auf musikalische Mittel verzichtet, die ihm eigentlich zur Verfügung stünden, lohnt es sich, genau hinzuhören. Von 1944 bis 1948 arbeitete der damals in den USA lebende Igor Strawinsky an seiner Messe. Und er setzte nicht etwa auf ein übergroßes Orchester wie beim »Sacre«, der die Symphoniker-Saison 2022/2023 eröffnete, sondern verzichtete gar auf jegliche Streicher. Holzbläser (ohne die hellglänzende Flöte), ein bisschen Blech sowie der Chor. Mit diesen begrenzten Mitteln schuf er seine einzige komplette Messtext-Vertonung.

Der Effekt ist ein besonderer: Während etwa Bachs h-Moll-Messe und Beethovens Missa solemnis musikalisch geradezu überwältigen, liegt hier eine besondere Konzentration auf dem Gesang – oder vielmehr: auf dem Text. Und wenn man sich auf die ungewöhnliche Instrumentierung einmal eingelassen hat, liegt sogar die Assoziation mit einer Kirchenorgel samt ihren unterschiedlichen Registern nahe. Kurz: Strawinsky geleitet uns mit dieser Messe zurück ins Gotteshaus, wo die eher kleine Besetzung gut im Altarraum Platz fände. Dass sein Wunsch, sie möge tatsächlich regelmäßigen Eingang in den katholischen Gottesdienst finden, nicht in Erfüllung ging, liegt hingegen wohl eher an der nicht immer eingängigen Partitur.

Denn auch hier greift Strawinsky, wie für ihn durchaus typisch, in der Musikgeschichte weit zurück. Das Mittelalter klingt an, wenn gregorianische Choräle und modale Harmonik das Klangbild bestimmen. Es handelte sich aber wohl kaum um ein Werk dieses Moderne-Magiers, wenn er diese kompositorische Archaik nicht mit zeitgemäßen Mitteln kombinierte. Das abschließende »Agnus Dei« bietet dafür ein anschauliches Beispiel: Nachdem sich Orchester- und Chor-Passagen geradezu mittelalterlich abwechseln, übernehmen die Bläser mit einer Kadenz den Abschluss des Werkes, indem sie uns eine Figur präsentieren, die sowohl vorwärts als auch rückwärts identisch gelesen werden kann. Woran denkt man unwillkürlich? Genau, an die ziemlich moderne Reihentechnik ...

Igor Strawinsky
Igor Strawinsky

Historie

06.11.2022 - Leidenschaftliche Ruhe

Sylvain Cambreling, Lauryna Bendžiūnaitė, Andreas Wolf, Europa Chor Akademie Görlitz

Werke von Strawinsky, Haydn und Fauré