Das denkende Orchester

Das seit Beginn des Jahres 2022 laufende Projekt »ThinkINg Orchestra – Kraft voranschreitender Schönheit« der Symphoniker Hamburg widmet sich der Musikalisierung des Gemeinwesens. 

Nach einer ersten Förderung im Rahmen des damals neuen Bundes-Förderprogramms »Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland« in den Jahren 2017 bis 2019 erhalten die Symphoniker Hamburg nun erneut eine finanzielle Unterstützung von der Kulturstaatsministerin, um Angebot, Profil und Zukunftspotenziale auszubauen und zu schärfen. Bis Mitte 2023 steht dem Laeiszhalle Orchester damit eine anteilige Finanzierung dreier Projektmodule zur Verfügung. 

Das Projekt »ThinkINg Orchestra – Kraft voranschreitender Schönheit« versteht sich als ein ästhetisch-politisches Zentrum der Musikstadt Hamburg. Die Konzerte sind dabei nicht nur einfach Programme, deren Inhalte es zu vermitteln gilt, sondern Fix- und Fluchtpunkte eines sich immer wieder neu konstituierenden öffentlichen Raums, der ein ebenso sinnliches wie sinnstiftendes gemeinsames Musikerleben ermöglicht.

Im Rahmen von drei eng miteinander verknüpften und aufeinander aufbauenden Modulen werden diese neuen ästhetischen Reflexionsräume auf vielfältige Weise ausgeleuchtet und dynamisiert, Visionen und kritische Perspektiven erleb- und gestaltbar gemacht. Es handelt sich um ein ganzheitliches Projekt, das sich durch Transparenz, Netzwerkbildung und Partizipation auszeichnet und auf die kulturelle Diversität der Metropole Hamburg eingeht. Ziel ist es, ein neues Zuhören zu ermöglichen sowie bildungs- und kulturferne Menschen zu erreichen – gleich welcher Herkunft und gleich, welche Barrieren es dabei abzubauen gilt. Dies geschieht durch eine konsequente Strategie der Öffnung und Ausbreitung des Orchester-Raums im eigentlichen, aber auch im übertragenen Sinn, in analoger wie digitaler Form, als global und interkulturell ausgerichtete Akademie, als klingendes Kraftwerk und Denkfabrik der Musikstadt Hamburg.

 

 

 

 

*** An English translation of the adjacent text follows. ***

RoomingIN

Im Zentrum des ersten Moduls steht die starke Profilierung und Öffnung der künstlerischen Prozesse auf vielfältige Weise. In den Konzerten und den innovativen Konzert-Workshops geht es um das ästhetische Erleben von geistigen Zusammenhängen, um das Erfahren der Welt durch Musik, die wie keine andere Kunstform Zeitkunst ist und Vergangenes zu vergegenwärtigen sowie auf Zukünftiges vorzugreifen vermag. RoomingIN bedeutet, Musiker*innen und Zuhörer*innen zusammenzubringen und sich durch vielfältige Kontextualisierungen und Formate mit den Meta-Themen der Konzertprogramme auf sinnliche und lustvolle Art und Weise auseinanderzusetzen. Durch mehrsprachige Angebote wie übersetzte Programmhefte oder Einführungen werden dabei auch die großen fremdsprachigen Communities von Hamburg angesprochen. Beispielsweise mit dem Dirigenten Harry Ogg und mit der Dirigentin Han-Na Chang [erst veröffentlichen, wenn offiziell] entstehen multimediale Begleitprogramme zu ihren Konzertauftritten, einerseits online (siehe »Mediathek«), andererseits live in der Laeiszhalle sowie an anderen Orten Hamburgs mit Publikum.

Orchesterakademie

Die Europäische Orchesterakademie der Symphoniker Hamburg versteht sich nicht nur als praktische Ausbildungsstätte für Musikstudent*innen, sondern als ganzheitliche Akademie und Bildungsanstalt, an der alle Mitarbeiter*innen und Gäste der Symphoniker teilnehmen und mitwirken können. Neben der Ausbildung steht dementsprechend der Bildungserwerb im Zentrum. Zum Kernbestandteil der Orchesterakademie gehören neben dem Mentoring und Coaching (Einzelunterricht, Kammermusik-Coaching, Probespiel-Simulationen) durch und von Mitgliedern des Orchesters die regelmäßige Mitwirkung an der Proben- und Konzerttätigkeit des Orchesters, die Präsentation im Rahmen besonderer Akademie-Kammerkonzerte sowie Workshops mit Expert*innen aus verschiedenen Bereichen. Neben musikpraktischen und -theoretischen Fragen widmet sich die Orchesterakademie neuen Leitbildern für Orchester und Musiker*innen und der Entwicklung eines neuen Selbstverständnisses davon, was Orchestermusik und das Konzert im 21. Jahrhundert bedeuten können und müssen.

MovINg Orchestra

Mit den Community-Projekten »MovINg Sounds« und »MovINg Orchestra – Helden unserer Zeit« gehen die Symphoniker Hamburg in die Randbezirke sowie in soziale und kulturelle Brennpunkte und Lebensräume von Hamburg. Auch hier steht der innovative Laborcharakter im Vordergrund, die Einbindung von Teilnehmer*innen in das musikalische, geistige und politische Geschehen. Die Musikervermittlerinnen und Mitglieder der Symphoniker Hamburg und der Orchesterakademie entwickeln zusammen mit den Menschen vor Ort gezielt Programme, Konzerte und Formate, die die Projektteilnehmer*innen mit den Symphonikern Hamburg und der Laeiszhalle verknüpfen. Zudem sind sie mit der Reihe »Mobile Kofferkonzerte« in zahlreichen Hamburger Kitas unterwegs und sorgen dafür, dass auch schon die Jüngsten am kulturellen Leben Hamburgs teilhaben können. 

Für alle drei Module wurden dafür zahlreiche Kooperationen mit KiTas, Schulen, Berufsschulen, sozialen und kulturellen Einrichtungen, und Seniorenheimen eingegangen, um sowohl demographisch als auch geographisch die gesamte Hansestadt abzubilden – und mit ihr in Dialog zu treten. So wird das Gemeinwesen auch in der Fläche musikalisiert, die Stadt singt, spielt und denkt mit den Symphonikern Hamburg.

Hintergrund

Ziel des Bundesprogramms »Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland«, dessen maßgebliche Impuls- und Ideengeber 2017 die Symphoniker Hamburg waren, ist es, die Orchesterlandschaft Deutschlands langfristig zu erhalten und auszubauen. Dazu werden durch eine Fachjury ausgesuchte Orchester dabei unterstützt, ihre Exzellenzpotenziale zu verwirklichen und ihre Konkurrenzfähigkeit in künstlerischer, organisatorischer und kommunikativer Hinsicht modellhaft auszubauen. Insgesamt 14 Orchester und Ensembles erhalten aktuell eine Förderung, darunter auch die Duisburger Philharmoniker, das Göttinger Symphonieorchester, die Kammerakademie Potsdam und Concerto Köln. 

Daniel Kühnel, Intendant der Symphoniker Hamburg: »Wir freuen uns außerordentlich, dass unsere Ideen auf Zustimmung stoßen und dass nun so viele Orchester eine Förderung erhalten. Die Symphoniker Hamburg begreifen sich in ihrem Selbstverständnis als ‚denkendes Orchester‘, also nicht als bloßen Klangkörper, der Konzerte veranstaltet, sondern als eine auf vielen Ebenen lebendige Kulturinstitution, die auf die Erschließung, Einrichtung und Pflege eines öffentlichen Reflexions- und Denkraums zielt. Die Gewinnung eines zusätzlichen, gerade jetzt so dringend nötigen öffentlichen Raums, in dem menschliches Handeln mit anderen als den üblichen Mitteln vollzogen wird, ist die eigentliche Chance für die einzigartige deutsche Orchesterlandschaft.«